Dienstag, 12. Juni 2012

Resumée

Ich steh kurz vor der Heimreise.

Ich habe gerade durch meinen Blog gestöbert und meinen ersten Post angeschaut...

"Hallo Welt!

In gut 2 Monaten werde ich mich auf die Reise ins ferne Südamerika, genauer Brasilien, begeben."


Wenn ich in den Kalender schaue, sehe ich, dass das schon SO weit entfernt liegt.. über ein Jahr! Aber wenn ich daran denke, kann ich mich genau daran erinnern - es war Mittwoch, der 11. Mai 2011, der Mittwoch vorm Deutschabi. An dem Tag hab ich meine Gastfamilie mitgeteilt bekommen und hab beim Fußballtraining alle mit meiner guten Laune genervt :D
Ich habe meine Nachforschungen über "Nioaque" begonnen, bemerkt, dass ich wohl mitten im Nichts wohnen würde und mir meine ersten Vorstellungen im Kopf zusammen gebastelt.
Im Grunde ist dann eh alles ganz anders gekommen ;)
Jetzt stellt man sich vor, wie die Rückkehr sein wird. Wen wird man sehen, wer wird da sein?
Im Grunde wird eh alles ganz anders kommen ;)

Im letzten Eintrag vor Abreise habe ich geschrieben "Natürlich freu ich mich auch auf die Familie und alles, aber es ist nunmal so, dass ich ins Ungewisse reise und ein Stück Sicherheit aufgebe." . Jetzt geht es mir irgendwie genauso, es ändern sich nur ein paar Wörtchen: Ich freu mich natürlich auf meine (deutsche) Familie, meine Freunde, etc. Aber es ist nunmal so, dass ich hier alles zurücklasse, auf ungewisse Zeit, und ein Stück Leben aufgebe. Ich weiß nicht, wann ich zurückkommen kann, die Leute wiedersehen kann, wieder brasilianischen Boden betrete. Trotzdem wird das Leben in Deutschland weitergehen.

Wenn ich außerdem meine ersten Tagebucheinträge anschaue, bin ich erschrocken und erstaunt, wie ich mich hier zu Beginn gefühlt habe. Aber in dieser ersten Zeit habe ich wohl ziemlich viel gelernt. Ich musste allein mit mir klarkommen, kannte noch niemanden, von Freunden ganz zu schweigen. Die Sprache hab ich auch noch nicht sicher beherrscht, war froh über jeden schönen Augenblick.

Jetzt sitze ich hier und denke "Solls das schon gewesen sein? Ich bin doch ein Teil, man kann mich hier nicht einfach rausnehmen wollen! Was soll ich bitte ohne meine Freunde machen?" aber ich habe verstanden, dass dieses Jahr hier in Brasilien nur der Anfang war! Ich habe gelernt, mich überall zu Hause fühlen zu können, ich kann VIEL offener auf Menschen zugehen, fremde Menschen, die ich gerade kennengelernt habe, kommen mir wie alte Bekannte vor, ich selbst komme mir jetzt wie eine alte Bekannte vor. Ich habe nicht nur Brasilien und Deutschland, sondern vor allem auch mich kennengelernt.

Ich habe Dinge erlebt, die mich verändert haben und die wohl für immer ein Stück von mir bleiben werden. Und dabei spreche ich nicht vom Stromausfall bei fast jedem einzelnen Gewitter oder davon, ein Krokodil gestreichelt zu haben (was natürlich ZIEMLICH cool ist ;P ). Ich spreche davon, sagen zu können, dass ich es geschafft habe, mich in eine KOMPLETT andere Kultur integriert zu haben (Ich genieße es jedes Mal, wenn mir jemand sagt "Ohhh Anne, bist aber ganz schön brasilianisch geworden ;) "), Freundschaften geschlossen zu haben, eine zweite Familie gefunden zu haben.
Ich liebe Brasilien. Ich liebe das Land, ich liebe die Leute. Ich liebe die Musik. Immer, wenn jemand was sagt, fällt mir irgendeine Musik ein, die genau diese Worte enthält und ich fang im Kopf an zu singen. Ich liebe die Kultur. Ich liebe die Gewohnheiten, ich liebe die Fußballfans. Ich liebe den Patriotismus, den Stolz, die Liebe zum Land.
Ich habe ein neues Leben gefunden und es ist verdammt hart, zu akzeptieren, dieses Leben hier lassen zu müssen.
Als ich Deutschland verlassen habe, hatte ich Momente, in denen ich dachte "Verdammte Kacke, was machst du da? Willst du das hier wirklich aufgeben, nur um voll in die Unsicherheit zu reisen?". Aber ich wusste, dass ich spätestens nach 11 Monaten wieder da sein würde.
Jetzt denke ich so ziemlich dasselbe. Ich weiß nicht, was in Deutschland auf mich zukommen wird, wer da sein wird, inwiefern die Leute dieselben sein werden. Kann ich mich wieder eingliedern?
Das Schlimmste aber: Ich weiß diesmal nicht, wann ich wiederkommen werde, wann ich dieses Land mit all seinen Schätzen wiedersehen werde.

Ich wiederhole es gerne nochmal: Es war ganz und gar nicht alles Zuckerschlecken. Aber die bitteren Momente haben mich so weit nach vorne gebracht, dass ich jetzt vor nix mehr Angst haben brauche und die Sicherheit habe, so ziemlich alles meistern zu können.

Ich habe heute von einer guten Freundin einen selbstgemachten Schlüsselanhänger bekommen. Es ist ein kleines Püppchen, das mich darstellt, im Trikot von den Corinthians (wir sind beide Fans). Dazu einen Brief mit bewegenden Worten. Ich hab gast angefangen zu heulen :(

Ich bin UNENDLICH dankbar, dass ich dieses Jahr machen durfte!
Ich danke allen, die mich sowohl finanziell als auch seelisch unterstützt haben, die ein offenes Ohr für mich hatten, die sich für mich eingesetzt haben, mir zugehört haben und mir mit Rat und Tat zur Seite standen. 
Danke Danke Danke! Ohne Euch, ohne mich!


EXCHANGE IS NOT A YEAR IN YOUR LIFE, IT'S A LIFE IN YOUR YEAR!

Kommentare:

  1. hallo anne
    bei uns hat sich nicht viel verändert - aber ich bin sicher du wirst dich wieder eingewöhnen - auch wenns vielleicht etwas länger dauert.
    Bis demnächst
    Maria

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Maria!
    Ja, ich denke auch...
    Trotzdem... :D
    Bis bald!
    Danke für alles, Maria!!

    AntwortenLöschen
  3. Liebste Anne,
    was bist du nur für ein tolles Mädchen. Deine Worte haben mich sehr bewegt. Bleib einfach so, wie du bist, dann wirst du überall auf der Welt klar kommen. Wir warten hier auf dich und werden dich mit offenen Armen empfangen.
    Bis bald!
    Petra

    AntwortenLöschen
  4. Hallo liebe Petra!
    Dankesehr, aber ich hab nur probiert, das auszudrücken, was mir durch den Kopf geht.. und das ist eine Menge!
    Ich hoffe, dass ich jetzt "fertig" bin und mich nichts mehr umhauen kann!
    Bis ganz bald ;)

    AntwortenLöschen
  5. Fertig ist man/frau nie!

    AntwortenLöschen
  6. Anne, deine Berichte sind unglaublich! Und ich fühle mich immer in mein Venezuela-Jahr zurück versetzt! Du weckst die Gefühle, die ich vor 17 Jahren in meinem Austauschjahr hatte! Danke dafür :-) Ich freue mich auf jeden Fall dich wieder zu sehen! Bis bald! Wir denken beim Sommerfest am Sonntag an dich!
    Bis zum Freshee-Hopee-Grillen!
    Melanie

    AntwortenLöschen
  7. Hi Melanie!
    Wow, das freut mich jetzt aber WIRKLLICH zu lesen :)
    Dem Sommerfest trauer ich immernoch hinterher, aber man kann schließlich nicht alles haben ;)
    Beim Grillen bin ich dann aber dabei :)
    Bis bald!

    AntwortenLöschen